{"id":280,"date":"2020-06-14T17:40:21","date_gmt":"2020-06-14T15:40:21","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/?page_id=280"},"modified":"2020-10-18T16:49:12","modified_gmt":"2020-10-18T14:49:12","slug":"das-erste-wort","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/das-erste-wort\/","title":{"rendered":"Das erste Wort"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ErsteWortFrau.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-281\" width=\"202\" height=\"256\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>So also sah die Mitte aus.<br>Eine verdammte, fast zugewucherte Lichtung im malvenfarbenen Dschungel eines Planeten, der, vom All aus betrachtet, wie eine angekohlte, zu lange in der Ursuppe geschmorte Kartoffel aussah. Begleitet wurde Pandora von drei Monden, kleiner, gro\u00dfer und gewaltiger Murks genannt.<br>Ein wirklich putziges Sternensystem, dachte sie.<br>\u00dcber den Wipfeln der W\u00fcrgeb\u00e4ume des Waldes standen die beiden Riesensonnen Hip und Hop am fremden Himmel und versuchten, die Synapsen hinter Eleonores Stirn zu schmoren. Pandora kocht das Hirn, hatte sie eine feiste Panzerechse an der Hotelbar des Raumhafens gleich nach ihrer Ankunft gewarnt und dabei versucht, m\u00f6glichst wenig von dem gef\u00fcrchteten Bumba-Bier zu versch\u00fctten, dass das Hirn noch schneller zersetzte als die Hitze.<br>Das war jetzt wie lange her? Sie versuchte sich zu erinnern, aber die Zeit auf Pandora war so t\u00fcckisch wie der Dschungel um sie herum.<br>Nichts war, was es vorgab zu sein, nicht mal die Zeit.<br>Diese lief in Schleifen, und manchmal machte sie R\u00f6sselspr\u00fcnge wie ein \u00fcberm\u00fctiges Kind. Da konnte es passieren, dass man sich selbst begegnete, was sich als unangenehmer herausgestellt hatte als vermutet. Viele konnten sich nicht ausstehen und besonders die Klugschei\u00dfer gerieten als Erste mit sich aneinander. So hatte Eleonore infolge dieser l\u00e4stigen Zeitschleifen nach und nach die meisten Teilnehmer ihrer Expedition verloren. Fatalerweise waren die noch \u00fcbrig Gebliebenen sp\u00e4ter auf das dschungel\u00fcberwucherte Wrack eines Raumgleiters mit einer noch intakten Bumba<em>&#8211;<\/em>Bier-Destille gesto\u00dfen. Tja, das Schicksal hatte wohl Humor, aber vielleicht war es auch nur zynisch. All ihre gemeinsamen Erinnerungen an die Entbehrungen, Gefechte, Massaker, an all diese Leiden und hirnrissigen Abenteuer, die sie zusammen bestanden hatten, ertr\u00e4nkt in duseliger Bumba<em>&#8211;<\/em>Bier-Seeligkeit. Selbst der sonst so besonnene doppelte Major* hatte seinen gro\u00dfen Zeh im Rausch mit einem bleichen Dschungelgew\u00fcrm verwechselt und ihn beherzt mit einem Plasmawerfer weggeblasen. Schade um die sch\u00f6nen Stiefel, hatte er noch heiser gefl\u00fcstert, dann war der Werfer in seiner Hand explodiert. Verfluchte Hitze.<br>Eleonore schreckte aus ihren Gedanken auf und starrte angewidert auf das Geb\u00e4ude im Zentrum der Lichtung. Eine Kreuzung aus Kathedrale und Tankstelle. Schimmel fra\u00df sich durch das Mauerwerk und die zwei Glockent\u00fcrme erinnerten sie an die maroden, rostigen Zapfs\u00e4ulen einer Sektenbetankungsanlage im Orbit von Troja, eines Planeten, auf dem Pferde als Teufelswerk galten.<br>Diese architektonische Entgleisung, fand sie, passte nur zu gut zu der ganzen bisherigen Suche nach der Mitte der Milchstra\u00dfe. Wie hatte sie sich nur auf diesen kosmischen Indiana Jones-Quatsch einlassen k\u00f6nnen.<br>\u201eSuche die Mitte und Du findest das Wort.\u201c<br>\u201eWelches Wort?\u201c, hatte sie damals den bekifften Alten im wei\u00dfen Kaftan gefragt und in die endlose Weite der tibetanischen Bergwelt gestarrt.<br>\u201eDas erste Wort. Jenes Wort, welches Alles und Nichts seit dem Anbeginn der Zeit zusammenh\u00e4lt, zwischen den Sternen des Universums schwingt und die Symphonien der Galaxien befeuert. Das Wort, in dem sich das ganze Geheimniss der Sch\u00f6pfung manifestiert.\u201c Diese Begebenheit lag jetzt Jahre zur\u00fcck.<br>Aber gut, nun hatte sie die Mitte gefunden und die war irgendwie \u2013 heruntergekommen, was sie wieder an den schr\u00e4gen Alten erinnerte. Sie h\u00e4tte zu Hause bleiben sollen.<br>Ein paar Gebetsfahnen hingen schlaff in der Hitze vor dem Eingangsportal des monstr\u00f6sen Bauwerkes. Sph\u00e4rische Musik kam auf, zusammen mit einer k\u00fchlen Brise. Eleonore dachte an die Sterne.<br>Sie trat vor das Portal, atmete dreimal tief durch und klopfte. Die Fl\u00fcgelt\u00fcren schwangen sanft zur Seite, sie trat ein und ein Mantel aus Dunkelheit, eine Dunkelheit wie aus der Finsternis aus den Anf\u00e4ngen der Zeit gewoben, umschlang sie. Dann gingen nacheinander kleine Lichter an und pl\u00f6tzlich tanzten Myriaden von Leuchtk\u00e4fern unter der Decke einer gewaltigen Wandelhalle ein Lichtballett zu den anschwellenden Kl\u00e4ngen der Sternenmusik. Augenblicklich war Eleonore \u00fcberw\u00e4ltigt. Alle \u00c4ngste, alle Zweifel fielen von ihr ab wie l\u00e4stiger Staub. Die Suche stand vor ihrem Ende, die Prophezeiung w\u00fcrde endlich in Erf\u00fcllung gehen. Eine Ruhe \u00fcberkam sie, als w\u00e4re sie im Inneren einer tibetanischen Gebetsm\u00fchle. Wie in Trance schwebte sie auf einer Wolke kosmischer Gelassenheit durch die G\u00e4nge und Hallen, drang immer tiefer ein in dieses Labyrinth aus Licht, Schatten, Kl\u00e4ngen und dem Duft der Unendlichkeit. Der Geruch erinnerte sie an verbrannte Gummib\u00e4rchen. Das war unangenehm.<br>Dann, sp\u00e4ter oder gerade, die Zeit spielte ihr wieder Streiche, fand sie sich in einem d\u00fcsteren Gang wieder, in dem es nach Weihrauch stank und kleine Kerzen in einigem Abstand am Boden standen. Sie folgte den Lichtern, passierte endlose Biegungen und zahlreiche Abzweigungen. Immer wieder kam sie an T\u00fcren vorbei, doch sie widerstand der Versuchung, diese zu \u00f6ffnen, warum, wusste sie nicht zu sagen. Irgendwann gen\u00fcgte ihr das Herumgerenne und ihre kosmische Gelassenheit verlor sich mit ihrer trockenen Kehle &#8211; der gef\u00fcrchtete Pandora-Durst. Da stie\u00df sie dankenswerterweise auf zwei kleine Kinderengel, Putten wohl, die an einem gewaltigen Joint zogen und ihr einen gro\u00dfen Pint Bumba<em>&#8211;<\/em>Bier reichten, wobei sie l\u00e4ssig mit dem Daumen \u00fcber die Schulter nach hinten in die Dunkelheit deuteten.<br>\u201eDort?\u201c, fragte Eleonore.<br>\u201eGenau, Schwester\u201c, erwiderte einer der himmlischen Rotzl\u00f6ffel. W\u00fctend stapfte sie in die angegebene Richtung und folgte der Lichterkette am Boden. Allm\u00e4hlich ging ihr der ganze Esoterikhumbug mit dem Universum und dem ganzen Rest m\u00e4chtig auf die Nerven. Sie wurde immer zorniger, bis pl\u00f6tzlich eine unscheinbare alte Holzt\u00fcr weit offen stand und die Teelichter sie einluden, den Raum zu betreten. Eine seltsame Anspannung bem\u00e4chtigte sich ihrer, sie kam sich pl\u00f6tzlich vor wie ein Physiker auf der Jagd nach dem Higgs-Teilchen.<br>Ehrf\u00fcrchtig schl\u00fcpfte sie durch die T\u00fcr, \u00fcber der in gro\u00dfen goldenen Lettern stand \u201aDie Mitte von Allem und Nichts\u2018. Der Raum erwies sich als kleines, stickiges, schlecht beleuchtetes Kabuff mit einer wackligen Holzbarriere. Dahinter sa\u00df ein abgerissener Engel mit umgeschnallten Fl\u00fcgelchen, l\u00f6chrigen Wollhandschuhen und einem lila Schal um den Hals. Eine Sommergrippe, vermutete sie. Die himmlische B\u00fcrokratie war eine wunderbare Einrichtung, in jedem Universum, solange man ihr aus dem Weg gehen konnte. Eleonore w\u00fcnschte: \u201eGesundheit\u201c.<br>\u201eWas wollen Sie? Wir haben zur Zeit geschlossen.\u201c<br>\u201eIch m\u00f6chte das Wort besichtigen, jetzt!\u201c, sagte Eleonore mit einem gef\u00e4hrlichen Unterton in der Stimme. Der Engel schaute \u00fcberrascht auf und schob automatisch, Eleonores Befehlsstimme folgend, einen Stapel Formulare \u00fcber den Tresen.<br>\u201eDie meisten wollen es h\u00f6ren\u201c, grummelte er missmutig, \u201eaber bitte, Sie wollen es sehen, mal was anderes, unterschreiben Sie da und da und so weiter.\u201c<br>Der D\u00fcrre zeigte mit seinem Finger, der aus der Spitze seines abgeschnittenen Wollhandschuhs stak, auf die untere Zeile eines jeden Formulars und fuhr fort: \u201eAlle Formulare sind gut leserlich in Blockbuchstaben auszuf\u00fcllen. Kritzeln Sie nicht \u00fcber den Rand hinaus. Beantworten Sie nur, was Sie gefragt werden. Unterlassen Sie \u00fcberfl\u00fcssige Erkl\u00e4rungsversuche. Bleiben Sie bei der f\u00fcr Sie g\u00fcltigen Wahrheit.\u201c<br>An dieser Stelle seiner Belehrung blickte der D\u00fcrre auf. \u201eSie haben doch eine?\u201c<br>\u201eEine f\u00fcr mich g\u00fcltige Wahrheit? Nein, momentan leider nicht\u201c, gestand Eleonore mechanisch.<br>Der W\u00e4chter ordnete daraufhin den Stapel der Formulare neu und lie\u00df sie, bis auf einige wenige, wieder unter dem Tresen verschwinden.<br>Sie begann mit dem Papierkram. Obenauf lag eine Verschwiegenheitserkl\u00e4rung, die sie \u00fcberflog und unterschrieb. Es folgten Frageb\u00f6gen zu pers\u00f6nlichen Daten, Krankengeschichte, famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen, Anzahl der Kinder, Einkommenssituation und dergleichen mehr.<br>Richtig interessant wurde es erst etliche Frageb\u00f6gen sp\u00e4ter.<br>Bei der Frage \u201aGrund der Reise?\u2018 schrieb sie \u201aNeugier\u2018.<br>Darauf reagierte das Formular und fragte \u201aWorauf?\u2018<br>\u201aAuf den Sinn von allem\u2018, antwortete sie und glaubte in dem Moment vielleicht sogar daran.<br>Das Formular antwortete \u201aInteressant, und warum?\u2018 Das wusste sie auch nicht so genau und schrieb \u201aAus Trotz.\u2018<br>Da wechselte das Formular das Thema. Die n\u00e4chste Frage lautete \u201aGlauben Sie an h\u00f6here Wesen? Ja, nein, vielleicht, gegebenenfalls, wechselhaft, wei\u00df nicht. Zutreffendes bitte ankreuzen.\u2018<br>Eleonore kreuzte \u201agegebenenfalls\u2018 an. Die folgende Aufgabe auf dem Formular machte sie stutzig. Da stand \u201aDefinieren Sie gegebenenfalls.\u2018<br>Sie schrieb: \u201aWenn der Fall gegeben ist.\u2018<br>\u201aWann w\u00e4re das?\u2018, kam die Gegenfrage.<br>\u201aJetzt\u2018, antwortete Eleonore und knallte den Stift auf den Tresen.<br>\u201aAha\u2018, antwortete das Formular und erg\u00e4nzte schnell \u201aGenehmigt\u2018, wonach es sich selbst stempelte, mehrfach kopierte und ablegte.<br>Pl\u00f6tzlich verschwand die Barriere wie eine Fata Morgana und Eleonore stand vor einem nicht sehr gro\u00dfen, schwarzen, von einem burgunderroten, schweren Samtvorhang verh\u00fcllten Granitstein. Sie trat n\u00e4her, verweilte einen Augenblick unschl\u00fcssig, kniff nerv\u00f6s ihr rechtes Auge zusammen, ein alter Tick von ihr, und schob dann den Vorhang zur Seite.<br>\u201aWow, gleich sehe ich das Absolute\u2018, dachte sie noch und sah nach oben. Ein Spot ging an und fiel auf ein einziges, in den Granit geschlagenes Wort. \u201a\u00c4TSCH\u2018 stand dort in einfachen Buchstaben zu lesen.<br>\u201aSchei\u00df auf das Absolute\u2018, schoss es ihr da durch den Kopf, \u201aso viel zur Esoterik im Weltraum.\u2018 Dabei wehten auf einmal sanft die Kl\u00e4nge eines Louis Armstrong-Songs durch die d\u00fcsteren G\u00e4nge und trugen ihre Gedanken mit sich fort als, w\u00e4ren sie aus Luft und Harmonie gewebt.<br>\u201eOh, what a wonderful world \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/ErsteWortMann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-282\" width=\"180\" height=\"228\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>*Der Doppelte Major hie\u00df so, weil er Major, Major genannt wurde, nachdem er sich selbst hatte bef\u00f6rdern m\u00fcssen, weil es kein anderer hatte tun wollen. Und so eine Selbstbef\u00f6rderung geht nur im gleichen Rang. Der Autor trauert um diesen tapferen Soldaten. <\/p>\n\n\n\n<p>Solltet Ihr Lust auf weitere Abenteuer von Eleonore und ihren irren Freunden bekommen haben, so findet ihr diese in der Fantasy-Trilogie <a href=\"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/goetzendaemmerung-i-terra-narra\/\"><strong>G\u00f6tzend\u00e4mmerung, das Imperium der Engel<\/strong> von J\u00f6rg Werner<\/a><a href=\"https:\/\/smile.amazon.de\/G%C3%B6tzend%C3%A4mmerung-I-Das-Imperium-Engel-ebook\/dp\/B00QMHFKD2\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;dchild=1&amp;keywords=terra+narra&amp;qid=1592149189&amp;sr=8-1\"> bei Amazon.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So also sah die Mitte aus.Eine verdammte, fast zugewucherte Lichtung im malvenfarbenen Dschungel eines Planeten, der, vom All aus betrachtet,<a href=\"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/das-erste-wort\/\" class=\"more-link\"><span class=\"readmore\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\">Das erste Wort<\/span><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/280"}],"collection":[{"href":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=280"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/280\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":453,"href":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/280\/revisions\/453"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/xn--jrg-werner-ecb.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=280"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}